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Die
erste Reise mit dem ZOX Tandem
Infektionsphase
Die Infizierung begann mit einem normalen, schnellen Santana-Tandem. Dass
die Dinger schnell sind, wusste ich schon immer, aber es einmal selbst
zu erfahren, war doch was anderes. Noch am selben Abend wühlte
ich im Internet nach Tandems, jetzt aber nach Liegeradtandems, denn als
eingefleischter Liegeradfahrer durfte es natürlich nur ein Lieger
sein. Meine Frau und ich diskutierten hin und her, denn vor allem die
Preise waren nicht gerade Zugreif-Preise. So vergingen Wochen, in denen
die vage Idee sich zunehmend festigte und wir uns schon an den Gedanken
gewöhnten, viel Geld loszuwerden.
Brainstormingphase
Irgendwann ergab sich bei Sergio Gomez in seinem Liegeradladen wegen einer
ganz anderen Sache ein Gespräch über unsere Pläne und dabei
kam für mich völlig überraschend heraus, dass er gerade
dabei war, ein Tandem zu entwickeln. Das machte die Sache sehr viel akuter,
denn bisher ging ich davon aus, dass ich so ein Rad nicht bei ihm bekommen
könnte. Nachdem mir die Qualität der ZOX-Räder schon längere
Zeit aus eigenen Versuchen bekannt war, waren wir uns schnell einig, dass
es sehr viel besser sei, sich von ihm ein Rad maßschneidern zu lassen
als eins von der Stange zu kaufen. Die Frage des ob überhaupt
war plötzlich gar keine mehr. So rumpelten wir schnurstracks in die
Planungsphase.
Planungsphase
Die Häufigkeit der Besuche in Sergios Laden nahm dramatisch zu. Es
gab aber auch so viel zu diskutieren und zu theoretisieren, denn leider
gab es zu diesem Zeitpunkt noch kein Anschauungsobjekt.
Schließlich war der erste Prototyp fertig und bereit, Probe gefahren
zu werden. Alles passte noch nicht so ganz, Bremsen gab es auch noch nicht
so richtig, aber wer will denn schon bremsen? Schon dieser erste Versuch
war Öl ins Feuer gießen. Plötzlich erschien der avisierte
Zeitplan unendlich lang. Wie sollte ich es aushalten so lange noch, bis
unser Rad fertig würde? Der Prototyp war tierisch bequem trotz nicht
vorhandener Federung und, sofern man das ohne Tacho und voller Enthusiasmus
überhaupt beurteilen kann, auch ganz schön flott. Interessant
war auch die Tatsache, dass es sehr einfach war, darauf zu fahren, da
hatte ich immer leise Bedenken. Zumindest, so lange man nicht im Garagenhof
wenden wollte... Auf jeden Fall machte es Spaß, und zwar reichlich.
Ab jetzt bekam der arme Kerl mindestens jeden zweiten Tag einen Anruf
von mir und zur Verstärkung machten meine Frau und ich konkrete Urlaubspläne.
Phase der Ungeduld
Warten. Warten auf Rohloff. Warten auf Magura. Zwischendurch schon mal
das wunderschöne Rot des fertigen Rahmenrohres bewundern, denn Sergio
war fleißig in der Zwischenzeit. Weiter warten. Tausend kleine Kleinigkeiten,
die aber, wenn sie fehlen, plötzlich gar keine Kleinigkeiten mehr
sind. Wenn man aber auch alles anders haben muss als er das beim ersten
Mal gemacht hat! Wir sind ja selber schuld! Die Nervosität nahm deutlich
zu, denn unser Urlaubstermin rückte unerbittlich näher und ohne
das neue Rad war uns das inzwischen unvorstellbar. Sergio war grenzenlos
optimistisch.
Phase des Kennenlernens
Dann der ersehnte Samstag! Eine Woche vor dem Urlaub. Er hatte recht.
In voller Pracht in ferrari-rot steht das Rad da. Viel schöner noch
als vorgestellt. Komplett bestückt mit allem, was das Radlerherz
begehrt, Rohloff-Nabe, Scheibenbremsen vorn und hinten, ein Traum! Nach
ein paar letzten Einstellungen geht es heim zum ersten Test mit Frau.
Viel Zeit war nicht mehr, denn der neu erstandene Fahrradträger musste
noch montiert werden, denn gleich am nächsten Morgen sollte das Rad
geteilt und auf dem Auto zur Premieren-RTF gebracht werden. Hier zeigte
sich das erste Mal der riesige Vorteil der Teilbarkeit, denn ungeteilt
wäre es uns mit unserem kleinen Auto doch zu peinlich gewesen, denn
das Rad ist fast so lang wie das Auto. Abgesehen davon, dass es ungeteilt
gar nicht gegangen wäre. Aber so war es recht einfach und dort angekommen
auch in ein paar Minuten wieder ein Tandem.
Wir begannen etwas vorsichtig, hatten aber keine Probleme. Sicherheitshalber
benutzte ich beim Anfahren einen sehr kleinen Gang, aber schon recht bald
war das kein Problem mehr. Auch die anfänglich enttäuschende
Bremswirkung der beiden Scheibenbremsen nahm sehr schnell zu und nach
50km war Bremsen die reine Freude. Abgesehen davon, dass der Schwung weg
war. Das Rad war völlig unproblematisch, nur erkannten wir deutlich,
dass wir noch etwas Zeit brauchen würden, bis wir uns aufeinander
eingestellt hätten. Nach den ersten 85km kamen wir total zufrieden
am Ziel an und waren uns sicher, dass unsere Urlaubspläne die richtigen
waren.
Phase der Begeisterung
Genau eine Woche später war es soweit, wir starteten in den Urlaub.
Als weit gereiste Globetrotter hatten wir dieses Mal ganz exotische Pläne,
wir wollten in Deutschland bleiben. Von zu Hause nach zu Hause. Mit vielen
Kilometern dazwischen. Kein Flieger, kein Zug, kein Schiff. Nur Radeln.
Mit gut 40kg Gepäck am Rad verstaut ging es los. Zwei große
Ortliebtaschen vorne an den Lowridern unter dem Vordersitz, zwei große
Ortliebtaschen hinten am Gepäckträger, Zelt und Ortliebrolle
mit Schlafsäcken und Campingkram drin hinten quer auf dem Gepäckträger,
und schließlich noch eine kleine Lenkertasche an die Lehne des Vordersitzes
gehängt für Kamera und schnell zugänglichen Kleinkram,
so starteten wir. Sehr behäbig, das war schnell klar. Die Spritzigkeit
war nicht mehr so berauschend. Es wurden dann auch keine Berge, sondern
vor allem Flusstäler. In der Ebene stört das Gewicht nicht sonderlich,
rollen ist herrlich! Und überall waren Leute, denen fast die Augen
aus dem Kopf gefallen sind, weniger herrlich. Aber man hat ja schließlich
auch eine Mission zu erfüllen!
Irgendwann in einer engen Kurve klappt es nicht mehr, ich muss aus den
Pedalen und plötzlich steht der Lenker hochkant und verdreht. Typische
Kinderkrankheiten, Schrauben etwas fester und weiter geht´s.
Im Steigerwald wurden die Berge heftiger, aber bis auf wenige Situationen
noch fahrend zu bewältigen. Kürzer übersetzen wäre
sinnlos gewesen, wie sich herausstellte, denn ab ca. 6km/h fangen die
Balanceprobleme an und das ist eine Geschwindigkeit, bei der wir noch
vernünftig schnell treten können. Wir pendeln permanent quer
über alle 14 Gänge weg, aber mit der Rohloff-Nabe macht Schalten
auch wirklich Spaß. Selbst bei unserem Rad, das anders als Sergios
erstes einen gekoppelten Antrieb besitzt, also nur einen Hinterradantrieb.
Ein kurzes, aktives Bremsen der Tretbewegung und schon geht Schalten blitzschnell.
Nur zwischen dem 7. und 8. Gang, bei dem eine Planetenstufe dazu- bzw.
weggeschaltet wird, muss man sich ein bisschen mehr Mühe geben und
den Druck wirklich herausnehmen, sonst landet man im 14. Gang und das
fühlt sich an als würde man an eine Betonwand treten. Mit 60
den Berg runter geht Treten auch gerade noch, wobei ich dabei spüre,
dass von hinten gar nichts mehr kommt. Auf Nachfragen, warum nicht, kommt
die lapidare Antwort: Es geht doch von alleine! Hat sie eigentlich
recht!
Der gekoppelte Antrieb hat Vorteile und Nachteile. Wie ich erwartet habe
sind die Bewegungen, die man von seinem Partner spürt, geringer als
bei einem getrennten Antrieb vorne und hinten. Ganz ruhig treten geht
einfach nicht und gekoppelt sind die Bewegungen wenigstens synchron. Mir
kommt das Fahren auf diese Weise etwas harmonischer vor. Der Nachteil
allerdings ist ganz klar, dass wir uns jetzt immer auf eine bestimmte
Trittfrequenz einigen müssen, was bei uns allerdings gar kein Problem
war. Nur bei sehr hohen Frequenzen war ein zunehmender Unwille von hinten
zu spüren. Aber dafür gibt es ja die Schaltung. Wer sehr unterschiedliche
Trittfrequenzen hat, ist sicher mit dem getrennten Antrieb viel besser
bedient. Tandem fahren ist auch eine Beziehungsprobe!
Bei einem gemütlichen Frühstück in der Fußgängerzone
eines wunderschönen, alten Städtchens am Neckar schwirren lauter
schöne Frauen an uns vorbei. Was man alles sieht, wenn man richtig
viel Zeit hat! Ich schwärme ihr vor, worauf mein Herzblatt spontan
beschließt, mich hier zu verlassen und mit ihrem Teil des Rades
alleine weiter zu fahren. Nun ja, wir haben uns doch geeinigt und haben
das Rad nicht zerlegt.
Immer weiter fahren wir, meistens auf irgendwelchen Radwanderwegen an
diversen Flüssen entlang, ziemlich oft auch ohne festen Belag. Das
geht auch ganz gut, obwohl mit dem Tandem Haken schlagen um Löcher
und andere Hindernisse mehr oder weniger unmöglich ist. Ich bin froh
um meine 47er Schlappen. Außerdem haben die einen richtig ordentlichen
Federweg, was auch nicht gerade unangenehm ist. Anfänglich hatte
ich Bedenken mit den nur möglichen 4 bar Druck, das hat sich aber
nicht bestätigt. Die Reifen rollen trotzdem gut.
Es macht auch nach vielen Tagen und Kilometern immer noch unheimlich viel
Spaß die Radelei, wir sind abends beide richtig müde und haben
ordentlich Hunger. Der Vorteil vom Tandem-Fahren ist einfach, dass sich
jeder so einbringen kann, wie er kann, die Kräfte addieren sich einfach.
Die Aufteilung muss ja gar nicht gleichmäßig sein. Nur manchmal,
wenn es plötzlich ganz zäh geht, ist eine giftige Bemerkung
an den Stoker hilfreich. Ich merke sofort, wenn der Druck von hinten wegbleibt,
es ist bemerkenswert, wie viel das ausmacht. Das Tempo, das wir fahren,
ist trotz unseren viel zu schweren Gepäcks so hoch, dass uns auf
der ganzen Tour nur zwei, drei Mal ein paar Rennradfahrer überholen.
Das sind wir vom einzeln Fahren nicht gewohnt. Auch unsere täglichen
Strecken sind erheblich länger geworden, seit wir nicht mehr aufeinander
warten müssen.
Irgendwann an der Saar, nachdem wir uns schon sehr routiniert auf unserm
Rad bewegen konnten, wagten wir den Versuch, die Plätze zu wechseln.
Das Rad ist so konzipiert, dass jeder von uns auf jedem Platz fahren kann.
Mit drei Handgriffen sind die Sitze verstellt und los geht es. Mein neuer,
unerfahrener Captain wackelt etwas beim Anfahren, aber sonst geht es recht
gut. Mir macht es hinten drauf auch viel Spaß, es ist ein ganz anderes
Gefühl. Man kann viel mehr schauen und muss sich nicht viel kümmern.
Und nochmal deutlich bequemer ist es hinten. Nach 45km hat das allerdings
ein Ende, denn Birgit tun ihre Knie elendig weh. Wir messen nochmal nach
und stellen fest, dass ihr doch ca. 2cm an Beinlänge fehlen, und
die sind offensichtlich entscheidend. Etwas schade finde ich das, aber
hier habe ich nicht die Möglichkeiten, das Rad umzubauen und so wechseln
wir wieder zur klassischen Konstellation zurück. Tatsächlich
sind auch sofort ihre Schmerzen weg. Inzwischen habe ich das geändert,
indem ich den Sitz auf der Halterung um etwa 2cm verrutscht habe durch
Abstandshalter, und seitdem sind auch die Probleme weg und wir können
jeder vorn bzw. hinten fahren.
Eine lange Tour nach Frankreich rein, diesmal ohne Gepäck, an das
wir uns schon völlig gewöhnt haben, zeigt uns, dass es doch
viel schöner und schneller geht, wenn nur wir beide auf dem Rad sitzen
und keinen Ballast mit herum schleppen. Mit einem Höllentempo rauschen
wir nach Metz hinunter. In Frankreich ist viel mehr Platz als in Deutschland.
Wo bei uns schon nach zwei Kilometern wieder das nächste Dorf auftaucht,
sind in Frankreich die Entfernungen viel größer. Das kommt
uns entgegen, denn richtig Strecke fahren ist wunderbar mir diesem Rad.
Je länger wir unterwegs sind, desto klarer wird uns, warum Deutschland
ein Touristenland ist. So viele Burgen, wunderschöne Dörfer
und Städte auf so engem Raum, da muss man sich nicht wundern. Immer
wieder spannend wird es für uns, wenn wir in einen solchen, pittoresken
Ort mit unserem Rad einlaufen. Enge Gässchen voller Menschen, da
wird Tandem-Fahren zu Herausforderung. Die Toleranz der Leute ist aber
auch in Fällen, wo wir beispielsweise beim Wenden rückwärts
in einen Tisch vor einer Pizzeria hinein rumpeln, durchaus ausgeprägt.
Offenbar verzeiht man Individuen mit einem solch eigenartigen Gefährt
erheblich mehr.
Überhaupt die Kontakte, die sich ergeben. Jeder Liegeradfahrer kennt
das Phänomen, dass es sehr einfach ist, mit Leuten ins Gespräch
zu kommen, wenn man mit dem Lieger unterwegs ist. Meistens reicht es,
einfach in einem Ort stehen zu bleiben. Der Rest ergibt sich dann schon.
Mit dem Tandem ist das noch eine Steigerung. Ein wunderschönes Erlebnis
hatten wir in Limburg an der Lahn. Dort stellten wir das Rad am Dom ab
- den findet man wenigstens wieder. Ein paar Stunden später kommen
wir zurück und werden von einer Nonne angesprochen, die völlig
begeistert von unserem Rad ist. Einen Moment überlegen wir, ob wir
sie fragen sollen, eine Runde mitzufahren. Zugetraut hätte ich ihr
das. Sie erzählt uns ein bisschen, wie auch sie sehr viel radelt
und meint schließlich, dass mit diesem Rad doch ein uralter Menschheitstraum
wahr würde: im Liegen reisen. Das konnten wir nur bestätigen.
Auf dieser Tour machten wir auch noch zwei andere, wichtige Erfahrungen:
einen mehrere Kilometer langen Berg mit annähernd 10% hinauf fahren
war kein Problem, nachdem erst das richtige Tempo gefunden war. Auf der
anderen Seite den Berg wieder runter wurde mir wieder einmal klar, dass
die Entscheidung zu Scheibenbremsen goldrichtig war. Fast ununterbrochen
musste ich kräftig bremsen, um die Geschwindigkeit bei etwa 60km/h
zu halten. Unten angelangt waren die Scheiben farbig angelaufen. Mit Felgenbremsen
hätte ich mich das nicht getraut. Die armen Bremsen müssen aber
auch ungefähr 180kg im Griff behalten, das muss man sich klarmachen.
Um uns diese Prozedur beim Rückweg zu ersparen, haben wir dieses
Stück mit dem Zug abgekürzt. Trotz der annähernd 3m Länge
haben wir es tatsächlich geschafft, in den Zug sowohl hinein, als
auch wieder hinaus zu kommen, ohne das Rad zu teilen. Beim Rausheben half
der Schaffner etwas mit indem er die gegenüberliegende Tür des
Zuges auch noch öffnete. Es geht alles, wenn man nur will!
Resümee
Nach 3 Wochen sind wir schließlich wieder zu Hause, haben die Köpfe
voll mit tausend Eindrücken und sind rundum zufrieden. Über
1700km quer durch Deutschland, und nie gab es Probleme mit der Frage,
ob wir radeln oder Pause machen.
Die Vorstellungen von Tandem-Fahren haben sich zu hundert Prozent bestätigt:
deutlich größerer Radius, deutlich höhere Geschwindigkeit
und abends sind wir beide gleichermaßen müde. Diese Art des
Reisens ist meiner Erfahrung nach die intensivste. Große Strecken
sind möglich, aber trotzdem ist die Geschwindigkeit noch so niedrig,
dass man alle Details erkennen kann und sich abends auch dran erinnert.
Die Möglichkeiten, mit den Menschen in Kontakt zu kommen, sind ebenfalls
sehr gut.
Der einzige Wermutstropfen bei dieser Tour war das zu viele Gepäck.
Wer auf Camping verzichtet spart natürlich schon mal eine ganze Menge,
aber gerade mit dem Fahrrad an Flüssen entlang ist Camping oft viel
schöner als Hotel oder Pension. Wir machten beides. Meine erste Aktion
daher wieder daheim war Gepäckoptimierung. Jedes Kilo weniger macht
was aus. Ganz wichtig ist auch, möglichst wenig schwere Sachen hinten
drauf zu packen, die müssen nach vorn an die Lowrider. Eigentlich
eine Binsenweisheit, aber wir mussten das auch erst erfahren. Aber das
allerwichtigste ist: möglichst viel daheim lassen. Man kann mit extrem
wenig Klamotten auskommen, da man nur abends und immer frisch geduscht
ein paar Stunden drinsteckt und tagsüber die Fahrradsachen vollqualmt.
Die müssen sowieso permanent gewaschen werden.
Der nächste Urlaub ist schon wieder als grobe Idee in unseren Köpfen.
Mit welchem Verkehrsmittel, das darf jeder raten.
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